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Gymnastik im Roundpen

Meist denkt man bei dem Ausbildungswerkzeug “Roundpen” an Horsemanship, Freiarbeit oder “Laufenlassen”. Er ist aber auch ein hervorragendes Werkzeug für die gymnastizierende Arbeit mit dem Pferd finde ich. Und ganz besonders wertvoll wird er, wenn man bei der Pferdeausbildung alleine, ohne weitere Hilfe vom Boden unterwegs ist.

Luxuriös aber nicht immer machbar: Pferdeausbildung mit Hilfe vom Boden zum Erklären der Hilfengebung für’s Pferd.

Äußere Begrenzung – äußere Hilfen

Auf einem Zirkel zu gehen ist für Pferde nicht natürlich. Wilde Pferde laufen geradeaus oder biegen irgendwohin ab. Beim Spielen oder bei Auseinandersetzungen umkreisen sie einander auch mal, aber Runde um Runde auf einer Kreisbahn zu laufen, kommt bei gesunden Pferden nicht vor. Unsere Pferde müssen also erst lernen, im Kreis zu laufen. Unser Ziel bei der gymnastizierenden Arbeit wäre nun, dass sie dies nicht über die innere Schulter und ungünstiger Belastung der Gelenke machen, sondern auf eine gesunde und stärkende, also gymnastizierenden Weise.

Der Zirkel bietet als Ausbildungswerkzeug unter anderem die Möglichkeit, sich auf das innere Hinterbein und die innere Hüfte zu konzentrieren und so die Tragkraft, die richtige Rotation der Wirbelsäule und Schulterfreiheit, sowie das Heben des Brustkorbs zu schulen.

Besonders für Pferde, denen eine “Reitkunstkarriere” nicht in die Wiege (bzw. ins Exterieur) gelegt wurde, habe ich gute Erfahrungen gemacht, ihnen den Zirkel im Freilauf im Roundpen zu “zeigen”. Mein Noriker Lord, war hier mein bester Lehrmeister. Er hat sehr davon profitiert im Roundpen erst seinen langen und schweren Körper alleine zu sortieren und dann später mit meinen Hilfen diese Kreisbahn auf korrekte Art und Weise zu laufen. Die Ergebnisse dieser Arbeit konnten wir dann nach Aufbau von Muskulatur und Geschmeidigkeit mit auf einen Arbeitsbereich ohne begrenzende äußere Bande nehmen. Denn im Endeffekt wollen wir uns ja nicht vom Roundpen oder einer Bande abhängig machen, sondern dieses Werkzeug nur solange nutzen bis wir unabhängig von ihm sind. Wichtig für meinen Noriker und seinen großen Körper war und ist jedoch, dass man ihn nicht zu lange ohne einrahmende Hilfen auf dem Zirkel laufen lässt – egal ob im Roundpen oder an der Longe ohne Bande. Dieses “zentrifugieren” wie Bent Branderup es nennt, also einfach im Kreis laufen ohne Lastaufnahme, würde auf Dauer zu sehr Gelenke, Sehnen und Bänder beanspruchen. Bei einem schweren und oder langem Pferd verstärkt sich dieser Effekt.

Da es sehr anspruchsvoll ist, die nötigen Hilfen und die Formgebung von Anfang an frei zu entwickeln, ist es eine gute Möglichkeit im Roundpen am Kappzaum zu arbeiten. Hierfür kann man auch sehr gut die Abstände und Führpositonen variieren. Da bei einigen Positionen in der Arbeit vom Boden die äußeren Hilfen (noch) fehlen, hilft der Roundpen hier sehr weiter. Longieren am Kappaum im Roundpen ist eine sanfte Art, dem Pferd die stellenden Hilfe des Kappzaums in der Bewegung zu erklären. Der Kappzaum muss bei dieser Herangehensweise beim noch unerfahrenen Pferd als Werkzeug nicht dazu “verschwendet” werden die Linie zu halten, da diese vom Roundpen vorgegeben wird. So kann der Kappzaum ausschließlich und ganz fein dafür eingesetzt werden, die Stellung in der Bewegung zu erklären. Auch der innere Schenkel kann erklärt werden, ohne dass man von der Linie abweicht. Die äußere Schulter und das äußere Hinterbein werden gleichzeitig von der Bande zuverlässig aufgefangen.

Bei fortgeschritteneren Pferden ist das Verkleinern der Linie im Roundpen eine nützliche Übung für intensivere Gymnastizierung und zur Überprüfung, ob man schon von der Bande unabhängig arbeiten kann.

Absolute Voraussetzung für diese Art der Arbeit ist meines Erachtens, dass keinerlei Druck auf das Pferd ausgeübt wird. Durch die runde Form ist der Roundpen wie ein unendliches Hamsterrad für das Pferd – man könnte ewig weiterlaufen ohne je anzukommen. Für ein Fluchttier eine kritische Situation, die sich ja auch so mache Ausbildungsmethode zu nutze macht. Wir sollten als Ausbilderin und Ausbilder am Boden also immer besonders achtsam für unsere Körpersprache und die des Pferdes sein und es im Roundpen nie zu eng für das Pferd zu machen. Auch in eine negative treibende Position sollten wir nicht kommen. Wir wollen ein Pferd, das sich wohlfühlt mit uns in diesem Arbeitsbereich. Denn Stress oder gar Angst erzeugen keine Lernatmosphäre.

Nachfolgend kann man auch die gerittene Arbeit in den Roundpen verlegen. Dies wird ganz besonders dann interessant, wenn man besonders zu Anfang keine Longeurin oder keinen Longeur hat, die oder der am Boden unterstützt. Durch den Roundpen kann man die Linienführung erstmal der Bande überlassen und sich auf andere Dinge konzentrieren, wie z.B. den eigenen korrekten Sitz in der gebogenen Linie.

Ältere oder eingeschränkte Pferde im Roundpen

Da der Roundpen eine unverrückbare äußere Begrenzung darstellt, ist er auch nur in Maßen und mit Vorsicht zu genießen. Auf die psychische Komponente hierbei bin ich oben schon kurz eingegangen. Es gibt aber auch noch die körperliche Komponente, die man nicht vernachlässigen sollte. Durch den Zwang auf der Kreisbahn zu laufen, kann der Roundpen auch viel Schaden anrichten. Bei jungen und gesunden Pferden wird das je nach Relation von Durchmesser, Pferdegröße und Bewegungsablauf noch nicht sichtbar (oder eben erst später). Bei älteren oder eingeschränkten Pferden kann man es unter Umständen jedoch sofort sehen. Je nach Beschwerden werden diese Pferde zum Beispiel sehr gerade, stellen sich extrem nach außen und laufen sehr ungern eine höhere Gangart als Schritt. Je nach Situation laufen sie auch selbst im Schritt ungern länger auf der Kreislinie. Manche Pferde versuchen auch die Kreisbahn gänzlich zu vermeiden und brechen nach innen aus, galoppieren durchgehend falsch an oder versuchen zu wenden. Im schlimmsten Fall kommt es zu Stürzen in den höheren Gangarten.

Kommt es zu diesen Verhaltensweisen und Bewegungsabläufen, sollte man noch einmal gründlich reflektieren, wie es um den Gesundheits- und Trainingszustand des Pferdes steht. Ein Pferd welches immer wieder wenden will, ist anscheinend noch nicht in der Lage dauerhaft auf der Kreisbahn zu gehen, so wenig anstrengend es dem Betrachter auch erscheinen mag. Es ist dann die Aufgabe von uns ausbildenden Menschen, das Pferd langsam und in kleineren Schritten an die gestellte Aufgabe heranzuführen, bis es sie mit Leichtigkeit ausführen kann.

Im Roundpen arbeite ich mit meinem älteren Noriker (hier 23-jährig und in der Rehaphase) wenn überhaupt nur noch ohne Kreisbahn. Hier zeigt er eine schöne geschulte Parade in der Freiarbeit. Obwohl die Hankenbeugung vom Exterieur her für ihn sehr anspruchsvoll ist, gehört die Schulparade zu seinen absoluten Lieblingslektionen.

Im Prinzip deckt der Roundpen hier jedoch ehrlicher Probleme auf, als ein Arbeiten an der Longe auf gleich großem Zirkel. Ein Pferd mit Problemen kann bei der Longenarbeit immernoch sehr viel durch Verwerfen , den Kopf und Hals nach innen biegen und über die Schulter ausbrechen, oder Hinterhand herausschleudern kompensieren. Dadurch klappt auf den ersten Blick vielleicht doch das Laufen auf dem Zirkel. Beim genaueren Hinsehen ist dies aber nur durch ungesunde und ungewollte Ausweichbewegungen des Pferdes möglich.

Mein Noriker, der in diesem Jahr 26 Jahre alt wird, ist definitiv kein Pferd mehr für den Roundpen. Für ihn und seine Gesunderhaltung brauche ich absolute Flexibilität in der Linienführung und auch viele Geraden, Ecken und nur mal einen Zirkel hier und da.

Tunnelblick für stressanfällige Pferde

Einen ganz anderen Aspekt des Roundpens hat mir mein junger Knabstrupper beigebracht. Körperlich ist er zu sehr vielen Dingen von Natur aus fähig, aber er ist ein besonders stressanfälliges Pferd und dazu kommt, dass er sich auch sehr schnell ablenken lässt. Der Roundpen ist für ihn ein Ort an dem er in Ruhe fokussieren kann und er sich ganz auf seinen Körper und meine Anwesenheit und Hilfengebung konzentrieren kann. Die äußere Begrenzung gibt ihm sehr viel Sicherheit. Ich bin manchmal überrascht wie es sein kann, dass auf dem Platz nichts geht, weil äußere Reize auf ihn eindringen, und im Roundpen – der ein Teil des Reitplatzes ist – ihn plötzlich eine Entspannung und Ruhe überkommt, die ein schönes fokussiertes Arbeiten möglich macht.

Auch im diesem Fall – wenn wir also eher mit dem Geist als mit dem Körper im Roundpen arbeiten – kann man die Ergebnisse der gymnastizierenden Arbeit im Roundpen toll mit auf den großen Arbeitsbereich ohne Begrenzung nehmen. Je mehr Routine das Pferd im Roundpen hat, desto mehr Sicherheit kann es von dort auf den unbegrenzten Zirkel nehmen.

Die im Roundpen geübte Konzentration und Balance kann mein junger Knabstrupper Pontus hier ganz wunderbar mit auf den freien Platz ganz ohne Bande mitnehmen.

Was ist der Roundpen für ein Ort für unser Pferd?

Je nachdem wie das Pferd den Roundpen für sich verknüpft hat und was es schon in einem Roundpen erlebt hat, kann es für ein Pferd auch erstmal gar nicht möglich sein, im Roundpen Entspannung zu finden. Das kann zum einen daher kommen, dass das Pferd den Roundpen nur zum Ausbuckeln und Rennenlassen kennt, oder aber auch daher, dass es in ihm schon viel Druck und Stress erlebt hat. In einem solchen Fall muss man weit vor der Gymnastizierung ansetzen und den Roundpen zu einem angenehmen Ort machen, in dem Vertrauen und Sicherheit ein Lernen überhaupt möglich macht.

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